Zwischennutzungen. Eine Berliner Bilanz – ein Ausblick für Berlin

(c) Prinzessinnengärten

Zwischennutzungen. Eine Berliner Bilanz – ein Ausblick für Berlin

Podiumsdiskussion mit Ines-Ulrike Rudolph, Stefanie Raab, Robert Shaw und Dr. Dagmar Tille // Veranstalter und Organisation: Arbeitskreis Nachhaltige Stadtentwicklung des Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung

13. Oktober 2011 // West Germany, Berlin-Kreuzberg

Zwischennutzung ist innerhalb des Stadtentwicklungsdiskurs ein vielschichtiges Phänomen. Es reicht von den vielen schützenswerten Biotopen spontaner, meist informeller Raumaneignungen oder den nachbarschaftsorientierten Engagements in Form von Bürgergärten bis hin zu kommerziell ausgerichteten Beachclubs oder großangelegten Strategieplänen zur Wiederbelebung brachliegender Infrastruktur- und Industrieareale. Die genutzten Objekte, ihre Nutzungsbedingungen, die beteiligten Akteure und ihre Handlungsweisen sind dabei ebenso äußerst divers. Auf Grund dessen lassen sich Zwischennutzungen schwer vergleichen und müssen bei der Betrachtung einzeln und immer wieder von Neuem analysiert und bewertet werden. Es verwundert daher wenig, dass sich die Stadt nach wie vor schwer tut, Zwischennutzung in seinen breitem Feld umfassend und zielfördernd unterstützen zu können.

Diesen Eindruck konnte man auch bei der Veranstaltung des Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung gewinnen. Robert Shaw, Initiator und Betreiber des Kreuzberger Nachbarschaftsgartenprojekt Prinzessinnengärten, war einziger „Zwischennutzer“ unter den geladenen Gästen  und  wurde durch die Koordinatoren vergangener (Stefanie Raab, von coopolis  ehemals zwischen|nutzungs|agentur; Gewerbeleerstandsmanagerin für verschiedene Gebiete in Neukölln) und aktueller Zwischennutzungsprojekte (Ines-Ulrike Rudoph, Tempelhof Projekt GmbH; Leiterin der Pionierprojekte auf der Tempelhofer Freiheit) sowie der Vertreterin der Verwaltung (Dr. Dagmar Tille, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung; Projektleitung IBA 2020) vielfach für sein gelungenes Projekt gelobt und gepriesen.

Nur unterscheidet sich das Gartenprojekt auf einer Baulücke am Moritzplatz zu den vorgetragenen Nutzungen der anderen Gesprächsteilnehmer in einer grundlegenden Sache: Shaws Prinzessinnengärten ist in Eigenregie und autonom ohne große Einbindung in städtische Planungsstrategien entstanden. So vergingen 8 Monate für die Vorplanungen und zahlreiche Diskussionen mit Eigentümer, bevor die Nutzung 2005 startete und nun als „selbsttragendes Unternehmen mit 9 Angestellten“ (Shaw) aufgestellt ist. Er selbst beschreibt das Projekt als partizipativer, mobiler Garten, dessen Ziel es sei, mit Hilfe des gemeinschaftlichen Gärtnerns Gruppen, die über herkömmliche Beteiligungs- und Paartizipationsverfahren wenig erreicht werden können, sozial zu integrieren und dadurch die lokale Nachbarschaft zu stärken. Mittlerweile hat das Projekt medial für viel Furore gesorgt, es finden sich nach eigenen Schätzungen rund 1.200 Nutzer im Jahr ein. Das große Problem, welches Shaw gleichzeitig als großes Verhandlungsargument in Gesprächen mit der Stadt und dem Eigentümer dient, ist, was aus diesen Nachbarschaften wird, sollte das Projekt umziehen müssen.

Woran die Stadtpolitik noch arbeiten muss

Hieran muss sich die Stadtpolitik messen lassen, will sie auch in Zukunft Zwischennutzungen fördern und in die eigene Entwicklungsplanung integrieren. Bei den Projekten auf dem Tempelhofer Feld, deren Erfolg nicht von der Hand zu weisen ist, gelingt dies zweifelsohne: Hier ist es klar, dass es sich bei den Zwischennutzungen um Start-Up-Chancen für die Nutzer handeln mag, mit denen man nach Beendigung der drei jährigen Projektdauer gemeinsam überlegen kann, ob sich die jeweilige Nutzungsform am Ort integrieren lässt oder man gegebenenfalls andere Orte hierfür finden kann.

Die Stadt muss sich allerdings breiter aufstellen, will sie auch diejenigen Nutzer unterstützen, die sich nicht in die Entwicklungsstrategien einfügen und zu bereits bestehenden Entwicklungsplänen konträr verhalten. Die Prinzessinnengärten haben durch ihr eigenständiges Handeln aus einer Brache einen Ort geschaffen, der vielen Quartiersbewohner als sozialer Treffpunkt dient. Er steht aber gleichzeitig den langfristigen Bebauungsplänen des Eigentümers im Weg. Hier müssen Wege gefunden werden, die Position der Zwischennutzer zu stärken und ihre Arbeit durch Unterstützungjeglicher Art anzuerkennen. Die Stadt sollte ihnen auch schon viel früher als bisher üblich eine inhaltliche Perspektive anbieten.

Shaw selber wirkt gelassen. Er sei sich des Risikos jener zeitlichen Begrenzung der Nutzung stets bewusst gewesen. Sollten die Prinzessingärten irgendwann die Fläche räumen müssen, sieht er dennoch sein Projekt nicht als gescheitert. Denn ein Erfolg sehe er allein darin, dass das, was in Zukunft auf der Fläche gebaut werden wird, sozial verträglicher und daher wesentlich besser sei, als das, was ohne seine Nutzung entstanden wäre. Shaw hat beigetragen, den Ort über die eigene Handlung inhaltlich zu prägen und lokale Potenziale aufzudecken. Dies ist eine wichtige Erkenntnis, wie Zwischennutzungen über ihre Nutzungsdauer hinaus wirken können und welche Potenziale sie für Stadtentwicklungsprozesse haben können. (ng)

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