Schlafende Riesen – Neue Zukunft für XXL-Bauten // Berlin

 

Schlafende Riesen – Neue Zukunft für XXL-Bauten

Diskussionsveranstaltung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

23. November 2011 // Villa Elisabeth, Berlin Mitte

„Es braucht immer Viele, um ein gutes Produkt zu haben.“ Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher traf mit diesem Schlusswort ihrer Dankesrede an die beteiligten Akteure der Veranstaltung zufällig genau das, was zuvor die Niederländische Gastrednerin Eva de Klerk in einem leidenschaftlichen Vortrag zu der Rolle der Nutzer bei der Entwicklung von Großgebäuden betonte: „You can’t develop a project without the users“. De Klerk selber entstammt der Amsterdamer Hausbesetzer-Szene. Diese schloss sich nach der Räumung vieler erfolgreicher, aber illegaler Projekte zusammen und entwickelte gemeinsam mit anderen marginalisierten Stadtakteursgruppen (Künstler, Skateboardern, etc.) ein Nutzungskonzept für das brachliegende Gelände der ehemalige NDSM-Werft auf der „anderen“ Seite des IJ-Flusses. Das Besondere am Ansatz war, lediglich einen Framework für das Areal zu liefern – die detaillierte Ausgestaltung der Nutzungen wurde aber den einzelnen End-User überlassen. So konnte ein überaus vitaler Ort entstehen, der über dies hinaus bedeutende Aufwertungsprozesse initiieren konnte – u.a. hat sich MTV in unmittelbarer Nachbarschaft niedergelassen. Für De Klerk war die Entwicklung der NDSM-Werft, dessen Modell mittlerweile vielerorts zu kopieren versucht wird, rückblickend betrachtet stets „a lot of fun!

Dieser positive Aktionismus beeindruckte nicht nur die anwesende Zuhörerschaft: Die Architektin Fokke Morel (MVRDV, Rotterdam) musste vor ihrem nachfolgendem Beitrag zur Umnutzung des Dijoner Senf Laboratoriums in ein Callcenter konsterniert anerkennen, dass ihre Darstellung aus der Sicht der Architektur immer so technisch und abstrakt daher kommt und sie nun gar nicht mehr wüsste, was sie jetzt noch neues beitragen könnte. Das dies dennoch erreicht wurde, lag nicht zuletzt an der Leistung der Organisatoren, über ein vielfältiges Rednerfeld die verschiedenen Perspektiven der Stadtverwaltung (für das Lingotto Areal, Turin / Stadtregal Ulm), der Architektur (Wade Scaramucci für das Angel Building in London, Pia Ilonen für Kaapeli-Kabelwerk in Helsinki und Morel für Dijon) und der Projektentwicklung aufzuzeigen (Gisbert Dreyer für das  Wohnhochhaus Lyoner Str. 19 in Frankfurt a.M. und Eva de Klerk). Gerade hinsichtlich der beiden Projektentwickler wurde ein schöner Kontrast entworfen: Dreyers Projekt zu einer Umnutzung eines Hochhauses in einem monofunktionalen Bürostandort zum Appartementgebäude für Wochenendpendler war mit so viel Mühen verbunden, dass Dreyer eine grundsätzliche Ablehnung  jeglicher Umnutzungsideen für weitere Projekte entwickelt hat. Seine finanziell wohlkalkulierte, bautechnisch gründlich geplante und auf ein Zielpublikum orientierte marktfahige Auftragsarbeit steht den Ansätzen De Klerks für die NDSM-Werft deutlich entgegen. Dennoch lässt sie sich nicht als falsch oder weniger richtig bewerten.

Jedes Objekt bedarf einer gründlichen Prüfung seiner individuellen Möglichkeiten

Denn genau an diesem Punkt wurde eines mehr als deutlich: Die Ausgestaltung der Umnutzung von leerstehenden Großobjekten kann nur individuell und durch gründliche Prüfung der Möglichkeiten erfolgen. Zu Beginn der Veranstaltung  hatte Carsten Venus von blauraum Architekten in seinem Beitrag einen wichtigen Hinweis hierzu gegeben. Sein in Zusammenarbeit mit der Hafen City Universität Hamburg entwickeltes Programm ReDevelopment gibt Eigentümern von leerstehenden Bürohäusern eine Auskunft darüber, wie erfolgreich sich eine Umwandlung eines Objekts zum Wohnhaus umsetzen lasst. Als niederschwelliges Angebot an unsichere Eigentümer kann des Potenzial bestehender baulicher Ressourcen verstärkt genutzt werden. Venus sieht hierin einen wichtigen Schritt, vielgelobte Nachhaltigkeitsansätze wie Cradle-to-Cradle auch in der Stadtentwicklung breiter auszuarbeiten.

Hierbei stellt sich eine wichtige Frage, wie Nachhaltigkeit bei immer kürzer werdenden Nutzungszyklen der Gebäude aussehen kann. Bei diesem Kernproblem, bei dem gerade die Großbauten in ihrer Nutzung ins Stocken geraten, müssen sich die Umnutzungskonzepte messen lassen. Eva De Klerks Ansatz des Einbeziehen der End-User-Gruppen in den Entwicklungsprozess erscheint dabei als einer der erfolgreichsten. Ihr positiver Leitspruch kann auch die am tiefsten schlafenden Riesen wachküssen: „Maybe it is impossible but it is not undoable!“

Eva de Klerk bei ihrem Vortrag

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Clip zur Veranstaltung via architekturclips

 

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