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Leerstand nutzen! Aber wie?

Podiumsdiskussion mit Enrico Schönberg, Florian Schöttle, Matthias Heyden und Michael Ziehl // Veranstalter und Organisation: openBerlin e.V.

22. Februar 2013 // Naherholung Sternchen, Berlin-Mitte

Leerstand ist eine Ressource, deren Wert im städtischen Entwicklungsdiskurs noch immer stark unterschätzt wird. Während im Rahmen der wirtschaftlichen Deindustrialisierungsprozesse in den westdeutschen Wachstumsmetropolen die räumlichen Nutzungszyklen in den innerstädtischen Kernbereichen durch Flächenkonversionen, Umnutzungen oder Büroneubauten nahezu nahtlos fortgesetzt oder mancherorts gar beschleunigt werden konnten, gestaltet sich die Situation in der Hauptstadt anders. Bedingt durch die politisch gespannte Situation während der innerdeutschen Teilung als auch dem Ausbleiben des wirtschaftlichen Aufschwungs in den Nachwendejahren ist in Berlin eine immer noch bemerkenswert hohe Anzahl an Gebäuden, Flächen oder ganzen Arealen zu finden, deren Entwicklungsgeschichte ausgesetzt erscheint. Dieser strukturelle Leerstand ist ebenso wie die kurzfristig installierten, oftmals improvisiert erscheinenden Interimsnutzungen fest visuellen  Bild der Stadt verankert und verleiht ihr eine besondere Identität mit dem baulichen Erbe vergangener Zeiten.

Nun sind in den vergangenen Jahren die Nutzungsansprüche auf innerstädtische Wohn- und Arbeitslagen gestiegen. Gleichzeitig hat sich im neoliberalen turn städtischer Politik die Stadt als Entwicklungsträger mehr und mehr zugunsten privater Projektentwickler und Investorengruppen zurückgezogen. Der Unmut gegenüber dieser Entwicklung wächst, vielerorts wird vom Ausverkauf der Stadt gesprochen. Bürgerschaftliche Initiativen fordern ein grundsätzliches Umdenken in der Stadtentwicklungspolitik. Ein erster Schritt hierzu wäre eine konsequente Neuausrichtung der Liegenschaftspolitik, die den verbliebenen öffentlichen Besitz an Flächen und Gebäuden weniger als Grundlage zur kurzfristigen Haushaltssanierung sondern vielmehr als mögliches Instrument für eine nachhaltigere und sozialere Stadtentwicklung begreift.

Der Leerstandsmelder stellt sich vor – und zur Diskussion

Beim Blick auf die Internetplattform Leerstandsmelder.de wird deutlich, welche Größenordnung der Leerstand in der Stadt aufweist. Neben einer Vielzahl an kleineren, fluktuativen Leerständen lassen sich auch viele „Langzeitpatienten“ finden, wie die Kaufhäuser am Oranienplatz und Weinbergspark oder diverse Schul- und Krankenhausgebäude der Stadt. Deren Wiedernutzung kann und sollte eingefordert werden. Doch wie kann das gelingen? Welche Forderungen an die Politik sind überhaupt zulässig? Oder kann man die städtischen Instanzen umgehen und selbstverantwortlich Neunutzungsprojekte anstoßen? Was muss hierbei bedacht werden? Um diese Fragen zu beantworten, hatte der Trägerverein der Leerstandsmelder-Plattform bei seiner Vorstellungsveranstaltung zur Diskussion eingeladen. Im mit rund 80 Personen voll besetzten Kinoraum des Naherholung Sternchen – selbst eine kulturelle Umnutzung einer ehemaligen Schulkantine der sozialistischen Bauepoche – haben sich am Freitagabend des 22. Februar 2013 die Betreiber mit den User der Plattform und eingeladenen Gästen austauschen können.

Einer der Gäste war Enrico Schönberg, der über das bundesweite Projekt Mietshäuser-Syndikat informierte. Dessen Ziel ist es, Wohnraum langfristig aus den marktlichen Zyklen zu lösen. Da Leerstand im Wohnbereich aber im Vergleich mit den Zahlen leerstehender Büroflächen verhältnismäßig gering sei, müsse man in diesem Sektor Umnutzungsperspektiven aufzeigen und den politischen Druck gegen die Ausweitung von spekulativen Büroneubauten erhöhen. Der Atelierbeauftragte des Berufsverbands Bildender Künstler Florian Schöttle diagnostizierte bei sich eine Art Leerstands-Manie. Selber begeisterter Nutzer des Leerstandsmelders wandere er seit nunmehr 16 Jahren durch die Stadt, um Leerstände aufzustöbern und sie für neue Nutzungen z.B. durch selbstverwaltete Ateliergemeinschaften vorzubereiten. Dies ginge sowohl bei privaten Besitz mit Hilfe von Senatsgeldern als auch bei landeseigenen Projekten, wo Schöttle Künstlergruppen suche und Unterstützung leiste.

Kooperation oder Konfrontation mit den Eigentümern?

Während Schöttle eher eine kooperative Position gegenüber den Eigentümern einnimmt, fordert Architekt Matthias Heyden ein Umdenken in der Aneignungspraxis von Räumen. Er sehe eine Zuspitzung bei der Verteilung und Ausstattung von Nutzungsrechten an städtischen Wohn- und Lebensräumen, die immer stärker unter den Prämissen wirtschaftlich-monetären Interessen stehe und zwangläufig zu einem Ausschluss vieler zivilgesellschaftlicher Gruppen führe. Um auf diese Entwicklung hinzuweisen, müsse politische Aufmerksamkeit erzeugt werden. Besetzungen von Leerstand des öffentlichen Besitzes wäre hierbei eine mögliche Option.

Wie dies erfolgen kann, berichtete Michael Ziehl vom Gängeviertel e.V. Hamburg. Hier war es einer Gruppe unterschiedlichster Akteure gelungen, ein zentral gelegenes Leerstandsareal mit historisch wertvoller Bausubstanz vor Verwahrlosung und Abriss zu bewahren und in eine kulturelle Nutzung zu überführen. Die Besetzung des Gängeviertels sorgte 2009 für bundesweites Aufsehen und erwirkte nebenbei auch ein Abrücken vom bis dato praktizierten Verfahren der Höchstpreisvergabe beim Verkauf städtischer Immobilien. Als Mitinitiator der Leerstandsmelder-Plattform betonte Ziehl, dass diese stets als eine wichtige Grundlage für den politischen Protest gegen spekulativen Leerstand verstanden und entsprechend eingesetzt wurde. Mittlerweile fungiere er manchmal sogar als kritischer „Sprecher des Leerstands“.

Das Gängeviertel beweist, wie eigener Aktionismus helfen kann, alternative Raumansprüche sichtbar zu machen. Die auf gesellschaftlicher Ebene breit getragene Unterstützung ließ das Projekt letztlich zum Erfolg werden. Allerdings muss hierbei festgehalten werden, dass solch Best-Practice-Beispiele eher als Inspirationsquelle oder Mutmacher denn als Schablone universal geltender Entwicklungsstrategien gelten können. Nutzungsmöglichkeiten von Leerstand sind stark fallabhängig, die Umsetzung von Projekten von vielen Faktoren oder gar glücklichen Zufällen abhängig. Aber ob nun selbstverwaltete Hausgemeinschaft mit kooperativen Verträgen mit privaten Eigentümern oder das politische Einfordern von Nutzungsmöglichkeiten städtischen Eigentums durch Besetzung – letztendlich ist der Weg zur Neunutzung unerheblich, sofern das übergeordnete Ziel die Überwindung von Leerstand lautet. Der Leerstandsmelder wirke total motivierend, äußert sich einer der Diskussionsteilnehmer. Dies kann also ein erster Trittstein auf dem Weg sein, weitere müssen nun nachgelegt werden. (ng)

– erste Version vom 12.03.2013, letzte Überarbeitung am 23.03.2013 –

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